Wir sind alle Menschen – WG-Mitbewohnerin Melissa im Gespräch

In unseren inklusiven Wohn­gemein­schaften leben Studierende gemeinsam mit Menschen mit Unterstützungs­bedarf unter einem Dach. Das Ziel: von­einander lernen, gemeinsam wachsen und den Alltag gemeins­am gestalten. Wir haben mit Melissa S., Studentin der Sozialen Arbeit, gesprochen. Sie lebt seit 2018 in einer inklusiven WG und erzählt, wie das Zusammen­leben funktioniert.

Melissa, schön, dass du da bist und uns heute einen kleinen Einblick in euer WG-Leben gibst. Wie bist du auf die inklusive WG aufmerksam geworden?

Melissa S.: Über die Uni Bonn gab es ein Wohnprojekt. Das hieß damals „Wohnen für Hilfe“, wo man sich bewerben konnte. Da ich möglichst unabhängig von meinen Eltern nach Bonn für das Studium ziehen wollte, habe ich mich darauf beworben und gehofft, relativ günstigen Wohnraum zu finden und dabei noch etwas Gutes tun zu können. Ich hatte schon einmal an einer Schule für mehrfachbehinderte Kinder ein Praktikum gemacht und habe auch in meiner Familie Erfahrung mit Menschen mit Behinderung. Deshalb wurde ich an die mlg Wohnen weitergeleitet. Dann habe ich mich hier vorgestellt, es hat sofort mit den Personen in der WG gepasst und einen Monat später bin ich bereits eingezogen.

Wie kann man sich euren WG-Alltag vorstellen? Gibt es feste Strukturen oder läuft vieles spontan?

Melissa S.: Ich glaube, bei uns in der WG gibt es sehr viel Struktur. Das liegt aber auch daran, dass nicht nur die Personen, mit denen ich zusammenwohne, sondern auch ich selbst gerne eine feste Wochenstruktur habe. Dementsprechend wird das meiste im Vorfeld abgestimmt. Es kann aber auch immer sein, dass es spontane Treffen gibt. Das ist allerdings kein Muss, sondern hängt immer von der Stimmung der Mitbewohner:Innen und auch von der eigenen Stimmung ab.

Welche Aufgaben teilt ihr euch im Haushalt – und wie funktioniert das im Alltag?

Melissa S.: Wir teilen uns eigentlich die Gemeinschaftsräume wie Wohnzimmer und Küche, und auch Bereiche wie das Treppenhaus werden von allen mitgenutzt. Dafür verlassen wir uns meistens auf einen festen Putzplan, in dem die Aufgaben geregelt sind. Dann kommen noch Dinge wie das Ausräumen der Spülmaschine oder Ähnliches hinzu. Da gibt es schon mal ein paar Herausforderungen. Aber im Großen und Ganzen halten sich die meisten daran. Die Mitbewohner:Innen mit Behinderung werden bei ihren WG-Aufgaben weitestgehend unterstützt.

Habt ihr gemeinsame Rituale oder Aktivitäten?

Melissa S.: Ich muss ehrlich sagen, dass ich seit dem Zeitpunkt, seitdem ich hier wohne, ein gemeinsames Kochen am Sonntagabend anbiete. Das ist eigentlich immer ein sehr schönes Ritual, weil es darum geht, nach dem Wochenende anzukommen, sich über Erlebnisse und Erfahrungen auszutauschen und gemeinsam zu kochen und zu essen. Das ist ein schöner Start und eine gute Vorbereitung auf die kommende Woche. Ansonsten versuchen wir, einmal im Monat ein WG-Wochenende zu gestalten, an dem wir Ausflüge planen, Zeit miteinander verbringen und natürlich auch die Interessen aller berücksichtigen. Einmal im Monat haben wir außerdem ein WG-Gespräch, in dem wir alles besprechen, was in der nächsten Zeit ansteht. Auch Probleme können dort angesprochen werden.

Was unterscheidet das Leben hier von einer „klassischen“ Student:Innen-WG?

Melissa S.: Persönlich gesehen würde ich sagen, in den meisten Fällen gar nicht so viel. Man trifft sich in den Gemeinschaftsräumen, spricht miteinander, lacht miteinander und verbringt Zeit zusammen. Klar gibt es Aspekte wie Betreuung, die fest terminiert sind, aber inzwischen ist das eher ein zusätzliches Element. Es ist nicht so, dass wir rund um die Uhr Verantwortung für andere tragen; man kann auch einfach sagen, dass man gerade nicht die sozialen Kapazitäten hat und ein bisschen Ruhe braucht. Das wird in der WG eigentlich immer respektiert. Deshalb plädiere ich dafür, dass sich da nicht allzu viel unterscheidet. Wir sind alle Menschen, und man muss sich mit jedem arrangieren.

Wie geht ihr mit Missverständnissen oder Konflikten um?

Melissa S.: Also, im Normalfall denke ich, läuft es wie in jeder anderen WG auch. Es gibt Dinge, die es sich lohnen anzusprechen, und Dinge, die man besser ruhen lässt. Ich bin ein Freund davon, Dinge, die sich ansammeln und mir Unmut bereiten, offen anzusprechen. Dann versucht man natürlich, ein offenes Gespräch zu führen. Das kann manchmal etwas schwierig sein, aber das ist in jeder WG ähnlich. Generell, wenn man mit anderen Personen zusammenwohnt, gibt es immer kleinere Konflikte oder Dinge, die einem am anderen nicht passen. Man spricht darüber, und dann ist es auch wieder gut.

Wie würdest du das Miteinander in eurer WG beschreiben?

Melissa S.: Ich würde sagen, dass wir alle sehr ruhig sind. Niemand hier feiert regelmäßig ausschweifende Partys, sondern wir haben alle teilweise unsere festen Routinen. Man begegnet sich morgens oder abends, sitzt zusammen und redet. Von daher würde ich sagen, dass wir größtenteils sehr harmonisch miteinander umgehen und versuchen, unser Leben gegenseitig zu bereichern.

Was war bisher dein schönster Moment in der WG?

Melissa S.: Ich glaube, die Jubiläumsfeier letztes Jahr war einer der schönsten – wenn nicht sogar der schönste – Momente. Einerseits ist es beeindruckend, wenn ich zurückdenke: Ich wohne jetzt seit sieben Jahren hier, die WG existiert insgesamt seit elf Jahren, und wir haben eine Mitbewohnerin, die von Anfang an hier wohnt und noch immer hier ist. Für mich war es daher etwas sehr Besonderes, mit allen zusammen ein großes Buffet in der Küche aufzubauen, Pavillons im Garten aufzustellen und zu schmücken. Viele Freunde, Kolleginnen und natürlich auch die Familien von uns allen waren da, um diesen Tag gemeinsam zu feiern. Das war wirklich sehr schön.

Was würdest du jemandem sagen, der überlegt, in eine inklusive WG zu ziehen?

Melissa S.: Eigentlich würde ich die Gegenfrage stellen: „Warum musst du da überlegen?“ Eine inklusive WG unterscheidet sich im Grunde nicht groß von einer anderen WG. Entweder passt es menschlich oder nicht. Dabei ist es nicht entscheidend, ob die Mitbewohner:Innen eine Behinderung haben oder nicht – es spielen viel mehr Faktoren eine Rolle. Deshalb sollte man sich allein wegen dieses Aspekts nicht davon abhalten lassen, es auszuprobieren. Einfach mutig sein, Neues erleben und die Erfahrung machen.

Was wünschst du dir für die Zukunft des inklusiven Wohnens allgemein?

Melissa S.: Ich würde mir wünschen, dass es weniger Ängste gibt und mehr Menschen den Mut haben, sich auf Menschen mit Behinderung einzulassen. Dass sie stärker in die Mitte unserer Gesellschaft gerückt werden und ein Zusammenleben normalisiert wird. Menschen mit und ohne Behinderung können harmonisch zusammenleben, ohne, dass ein Übermaß an Aufgaben oder Care-Arbeit von den Mitbewohner:Innen verlangt wird. Wichtig ist, dass Menschen mit Behinderung möglichst selbstbestimmt leben können und dass dies als normal wahrgenommen wird.

Vielen Dank Melissa für dieses Gespräch und deine ganz persönlichen Einblicke. 

Das Gespräch führte Vanessa Rappel, Koordinatorin der Wohngruppen.